Roger Cicero – In diesem Moment (mit Tracklist)

Es war einfach Zeit für eine Zäsur. Mal ein paar Träume erfüllen, eine abendfüllende Show auf dem legendären Montreux Jazz Festival spielen etwa, oder ein gemeinsames Konzert mit Jools Holland in London. Gelegenheiten nutzen, um Ausflüge in Moderation und Film zu wagen, ein Buch zu schreiben. Zeit, um zurück zu schauen. Und dann voraus.

„Der Erfolg kam zwar nicht schnell, wenn man meinen Lebensweg betrachtet”, sagt Roger Cicero mit Blick auf seine bisherige Karriere, “aber dafür ziemlich plötzlich. Und auch ziemlich massiv: Ich hatte drei Jahre lang weder Zeit noch Kopf, irgendetwas zu verarbeiten.” 2006 war der Erstling Männersachen erschienen, bis 2009 folgten zwei weitere hochdekorierte Alben, über 300 Konzerte und ungezählte Termine. “Ich musste das alles für mich erstmal einordnen. Der Erfolg brachte Sicherheiten, die es in meinem Leben zuvor nicht gegeben hatte und die ich jetzt, als Familienvater, nicht mehr missen möchte. Im Gegenzug steigerte er die Erwartungen an mich und meine Musik – nicht zuletzt meine eigenen. Aber die wichtigste Erkenntnis war: Erfolg macht es möglich, Dinge zu tun, von denen ich vor Männersachen nur träumen konnte – nämlich kompromisslos meine musikalischen Ideen zu verwirklichen.“

Aus dieser Diagnose folgte zwangsläufig das weitere Aufbrechen des mittlerweile zu eng gewordenen Swing-Korsetts, und zwar Stück für Stück eingeleitet bereits auf dem letzten Album Artgerecht. Auch wenn Roger Cicero diesem Stil und Style viel zu verdanken hat: Der elegante Sound der 50er bot nur Spielfläche für einen kleinen Teil seiner stimmlichen Möglichkeiten. Und die dazugehörige Attitüde lenkte den Fokus weg von jener Person, die mit 41 Jahren bereits ein an Erfahrungen und auch Entbehrungen reiches Musikerleben hinter sich hat, das mit einer Babysitterin namens Josephine Baker schon unter eindeutigen Vorzeichen begann.

Alles auf null also. Neue Energien freisetzen, in völlig neuen Konstellationen denken und arbeiten. “Anfangs gab es diese amüsanten Situationen, die eigentlich immer entstehen, wenn neue Musiker sich zusammen finden: Viele Leute sitzen an einem Tisch, reden über Musik und sind sich völlig einig – bis bei der ersten Aufnahme klar wird, dass jeder etwas ganz anderes im Kopf hatte”. Roger Cicero muss lachen. “Aber genau das war gewollt: Man musste sich gegenseitig völlig neu nähern.” Das tat er ausgiebig. Über ein Jahr schrieb und komponierte er, unter anderem mit dem Kölner Tinseltown-Kollektiv, aber auch mit Kollegen wie Rea Garvey oder Musikern von Jamiroquai, Juli und Stanfour. Für die Produktion zog Roger Cicero mit Kiko Masbaum sowie dem für drei Titel verantwortlichen Roland Spremberg ebenfalls neue Namen hinzu, deren detailverliebte Arbeitsweise perfekt mit der eigenen harmonierte. Gemeinsam feilten sie in den Studios am Kölner Maarweg an den Aufnahmen, justierten viele Stellschrauben und holten den Sound aus den 50ern ins Hier und Jetzt.

Zweieinhalb Jahre nach Artgerecht legt Roger Cicero nun Album Nummer vier vor. Mit großer Vorfreude, aber auch mit erhöhtem Pulsschlag – und vielleicht ein klein wenig feuchten Händen: “Es gab keine Referenzen für unsere Arbeit, keine vorgetretenen Pfade, nichts, anhand dessen ich mir hätte ausmalen können, wie das Ergebnis wohl werden würde. Ich hatte schlicht keine andere Wahl, als mich immer wieder auf den Moment einzulassen. Und aus diesen ‚Momenten’  heraus ist das Album entstanden.

Das neue Album

Mehr als nur ein Song auf In diesem Moment hätte es verdient, das Album zu betiteln. So viel Roger Cicero war noch nie – nicht in den Kompositionen, vor allem nicht in den Texten.

Das druckvolle Für nichts auf dieser Welt gibt ein Motiv vor, das sich durch das gesamte Album zieht, genauso wie durch Roger Ciceros Vita: Der eigene Weg, der gegangen werden will, trotz aller Hindernisse. Und ohne verführerische Abkürzungen – jenen “superbunten Zuckerguss”, mit dem Crashkurs-Makler ihre potentiellen Jünger locken. Nicht für mich, bescheidet Roger Cicero mit dem gleichnamigen Song: “Ob nun zuckende Sixpacks in der Werbung für Bauchweg-Gürtel, das leidige Thema Castingshows oder irgendwelche Wochenend-Seminare, die eine grundlegende Lebensänderung in 48 Stunden versprechen – wer glaubt im Ernst daran? Man muss es selber angehen, es gibt nichts, das eigene Erfahrungen ersetzt.” Keine halben Sachen eben – noch so eine potentielle Überschrift, die auf das gesamte Album gemünzt sein könnte. Die dazugehörige pumpende Funk-Nummer widmet sich jedoch vielmehr jener unendlich langen Liste guter Vorsätze, die im Normalfall nicht einmal den Neujahrskater überstehen.

So gereift und nachdenklich er sich in den Texten auch zeigt, Roger Cicero verliert nie seine lakonische, direkte Sprache. Bisweilen ergänzt um seinen trockenen, selbstironischen Blick, etwa wenn er in den zwischen Twenties und modernem Beat changierenden Opener Alles kommt zurück beiläufig das Comeback von Hüten und Swing-Musik einflicht. Oder im wunderbaren Zu zweit mit Jools Holland am Piano, einem whiskey-schwangeren, von extrem abgehangenem Bar-Jazz untermalten Dialog mit der personifizierten Einsamkeit. Trotz allen Augenzwinkerns auch dies ein sehr persönlicher Song: “Das Thema ‘Einsamkeit’ hat mich tatsächlich lange verfolgt. Eigentlich von Beginn an, als Kind eines Vaters, der ständig unterwegs war. Glücklicherweise habe ich gelernt, damit umzugehen, bevor der Erfolg kam. Das sprichwörtliche ‘einsame Hotelzimmer’ hat also viel von seinem Schrecken verloren. Mittlerweile reiche ich, in all dem Trubel, der Einsamkeit sogar ganz gern mal die Hand.”

So persönlich und intensiv die Arbeit an den Songs, so akribisch auch die folgende Produktion: “Die Big Band-Arrangements sauber einspielen, fünf Tage Studio, fertig, aus – das war bislang der übliche Ablauf. Und auch genau der richtige für den satten Big Band-Sound“, so Roger Cicero. “Aber diesmal sind wir andere Wege gegangen und haben uns drei Wochen und viel Feinarbeit gegönnt.“ Die Band ist, mit Ausnahme des musikalischen Leiters und Arrangeurs Lutz Krajenski, die gleiche geblieben. Doch im Ergebnis klingt fast nichts mehr nach klassischer Big Band. Stattdessen variieren Besetzung und Arrangements in einer Spannweite vom intimen, leisen Dunkelheit zu Licht bis hin zu Erste Liebe, für welches ein opulentes Soundgewand geschneidert wurde, das ohne Weiteres auch das Finale eines französischen Films bestreiten könnte. Das größte Augenmerk galt jedoch den zum Teil messerscharfen, sehr stilsicheren Grooves. Allen voran in Der Typ im Spiegel zu bewundern, einer Disco-Nummer, geschrieben von Roger Cicero und Roland Spremberg zusammen mit den Jamiroquai-Musikern und -Produzenten Rob Harris und Matt Johnson – und unüberhörbar auch von diesen eingespielt.

Auf den Punkt gebracht wird In diesem Moment letztlich vom gleichnamigen Titelsong, der die Tiefe und Vielseitigkeit des gesamten Albums in sich vereint: eine Ballade, aber nicht schwermütig; getragen, aber mit Groove; emotional, ohne in aufgesetztes Pathos abzugleiten. “Es geschieht einfach alles gleichzeitig, das größte Glück und das größte Unglück, in jeder Sekunde, überall auf der Welt. Mir war es wichtig, einzelne Momentaufnahmen in diesem Song einfach neutral nebeneinander zu stellen. Sie nicht zu bewerten, sondern als gegeben anzunehmen und mich zu fragen: Was macht das mit mir – und was mache ich daraus?“ Die Antwort darauf gibt nicht nur dieser Song. Die Antwort gibt das gesamte Album.

1. Alles kommt zurück 3:44
2. Für nichts auf dieser Welt 2:58
3. Keine halben Sachen 3:12
4. In diesem Moment 3:46
5. Erste Liebe 4:09
6. Einfach mal 3:16
7. Der Typ im Spiegel 3:45
8. Adieu & Kuss    3:39
9. Eine Reise 3:23
10. Was weißt du schon von mir 3:46
11. Nicht für mich 3:04
12. Zu zweit 3:55
13. Dunkelheit zu Licht 4:26

Quelle: Warner Music

 

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