Der Künstler und der Rausch

Eine unglückliche Kindheit sei die beste Voraussetzung für einen guten Schriftsteller, pflegte nicht zufällig der umstrittene Nobelpreisträger und führender Vertreter der modernen Literatur, Ernest Hemingway, zu betonen. Handelt es sich nun, bei allem Respekt, eher um eine, möglicherweise unbewusste Projektion der individuellen Biografie auf die Gesamtheit aller Autoren oder kann man hier tatsächlich von einer empirischen Korrelation sprechen? Für einen anderen künstlerischen Tätigkeitsbereich, die Musik, scheint die Logik der steilen Hemingwayschen These jedenfalls auch zu funktionieren: Der Rausch bzw. die Sucht sei die beste Voraussetzung für einen guten Musiker, könnte man also behaupten. Die Klub-27 Mitglieder, wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Jim Morrison oder jüngst Amy Winehouse, die, ganz ohne pietätslos sein zu wollen, ja bekanntlich allesamt keine Vorzeigeabstinenzler waren, scheinen diese These auch zunächst zu stützen. Aber was sagt eigentlich die Wissenschaft dazu? Gibt es nun einen Zusammenhang oder sind wir hier der Enge und Dunkelheit des Tunnelblicks verfallen? Hier ein Versuch der Aufklärung.

Rein logisch macht die These natürlich durchaus Sinn: Eine unglückliche Kindheit bzw. der Rausch oder die Sucht seien ja nur „die besten“, folglich nicht die einzigen Voraussetzungen für einen guten Schriftsteller respektive einen Musiker, so heißt es. Anderenfalls wäre diese, einer deduktiven Logik folgende Behauptung wohl ziemlich leicht zu widerlegen, bräuchte man doch nur einen einzigen Fall, der eine glückliche Kindheit gehabt bzw. keine Drogen konsumiert und in seinem Metier dennoch einen überdurchschnittlichen Erfolg zustande gebracht hat. Was es nun deshalb zu prüfen gilt, ist die Frage, ob bzw. inwieweit der Rausch, wenn auch nicht die einzige, so doch die beste Bedingung der Möglichkeit eines erfolgreichen musikalischen Schaffens sein kann.

Zunächst muss man sagen, dass die Drogen- bzw. die Rauschkultur in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich doch deutlich gewandelt hat. Das Gras der Hippies der 1960er, das Kokain der 1970er und 80er, das Ecstasy der 1990er und das Christal Meth der 2000er Jahre – jedes Jahrzehnt scheint da seine eigenen Schwerpunkte gesetzt zu haben. So besagt etwa der Drogenbericht der Bundesregierung aus dem vergangenen Jahr, dass der Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum bei Kindern und Jugendlichen zurückgehe. Allerdings gebe es eine generell zunehmende Verbreitung von Christal Meth – insbesondere im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Aber auch die Art und Weise der Einnahme so mancher legaler wie illegaler Drogen ist heute eine etwas andere. So schwenken mittlerweile viele Raucher auf die nicht minder umstrittene E-Zigarette um, die, zumindest der subjektiven Einschätzung vieler E-Raucher nach zu urteilen, erhebliche Verbesserungen des allgemeinen Wohlbefindens mit sich bringe. Bei den illegalen Drogen, und hier speziell bei Cannabis, geht der Trend in Richtung sogenannter Vaporizer. Diese Geräte sind in der Lage eine Substanz exakt nur soweit zu erhitzen, dass gerademal die gewünschten Inhaltsstoffe extrahiert und in Form von Dampf inhaliert werden können. Ein Beispiel dafür sehen Sie etwa hier. Angesichts der Tatsache, dass die gesundheitsschädigendste Wirkung beim Kiffen hauptsächlich durch den zwangsläufigen Co-Konsum von Tabak auftritt, ist dies wohl als teilweise positiv zu bewerten, wobei das Verlangen nach dem Rausch natürlich bleibt.

Doch zurück zu unserer These. Es kann wohl nicht bestritten werden, dass der Rausch eine kreativitätsfördernde Wirkung hat und wiederum war es Hemingway, der den hierzu passenden Spruch prägte: „Write drunk, edit sober“, also „Schreibe betrunken, berichtige nüchtern.“ Nun liegt es aber doch auf der Hand, dass ein untalentierter Gitarrero oder ein völlig unbegabter Schreibikus selbst sturzbetrunken noch keine Wunder vollbringen werden. Ein literaturgeschichtlicher Rückblick lehrt einen ferner der Tatsache, dass selbst die trinkfreudigsten Künstler während ihrer Arbeit niemals über die Stränge schlugen – zumindest waren sie meistens nur dann wirklich erfolgreich, solange ihnen diese teilweise Selbstdisziplinierung gelang. Dies scheint auch die Aussage des Psychologen Morris Stein von der Universität New York zu bestätigen, der auf der Grundlage einiger Studien dem Alkohol in kleinen Mengen eine durchaus kreativitätssteigernde Wirkung bescheinigt, im Endeffekt jedoch mit einem völlig unterwarteten Ergebnis verblüfft: Besser als Alkohol sei tatsächlich der Kaffee, so Stein. Bereits zwei Tassen reichten, um das Ideenreichtum der Probanden sichtlich zu steigern. Die Indianerdroge Meskalin dagegen, habe eine kreativitätsfördernde Wirkung, die durchaus zielführend sei, ohne den Geist mit überschwänglicher Energie zu überfordern. Brave New World, dem dystopischen Werk des britischen Schriftstellers und Meskalinfreundes Aldous Huxley, scheint in Sachen Kreativität jedenfalls nichts zu fehlen.

Doch auch zeitgenössische Künstler, wie der US-Rapper Snoop Dogg etwa, schwören auf die angeblich kreativitätsfördernde Wirkung von Drogen. Dogg schwört zum Beispiel auf Marihuana. Jüngst beteiligte er sich im Zuge der Marihuana-Legalisierungswelle in den Vereinigten Staaten sogar an einem Marihuana-Lieferdienst.

Letztlich scheint aber wie immer die Dosis zu bestimmen, ob ein Ding ein Gift oder kein Gift ist und es ist bedauerlich, dass wir im Grunde ja nie erfahren werden, ob die drogenkonsumierenden Genies vergangener Tage auch ohne jene Substanzen, und dann womöglich in stärkerem Maße, es zu ihren Meisterwerken gebracht hätten.

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