Clueso – An und für sich (inkl. Tracklist)

1 Intro

Ein Flachbau im Erfurter Norden, Schnee liegt davor. Drinnen wird gearbeitet und gewohnt, das ist das Praktische. Bei Clueso ist das eine vom anderen nicht zu trennen, das ist das Schöne. Arbeit unter Freunden. Man kommt rein und steht in der Küche. Von der Küche geht’s in den Flur, von dort aus in die Zimmer. Ganz am Ende liegt das Studio, nichts Großes. Man möchte nicht glauben, dass hier die letzten Arbeiten am neuen Album passieren. Alles so klein und häuslich, Heimarbeit. Klingt gemütlich, ist aber: Arbeit. Wird sich noch zeigen. Vier Tage noch, dann muss das fünfte Album fertig sein.

Einen Monat später, Ende Januar in einem Lokal, im Süden. Kein Schnee, nur kalt. Das fünfte Album ist fertig, erstes öffentliches Hören, Public Listening für die Zughafen-Mitarbeiter. Dankeschön, Präsentation, Feuertaufe. 20 Leute sitzen vor zwei Boxen und hören sich Musik an: die 17 Songs vom neuen Album.
„Das Leben hört sich eine CD selten so an“, sagt Clueso. So fokussiert. Das Leben hört nebenbei. Oder totalintensiv, immer nur einen Song. Oder zufällig im Radio nach was anderem, vor was anderem. Das fünfte Album ist ein reiches Album. „74 Minuten passen auf eine CD, wir sind bei fast 72 Minuten“, sagt der dreifache 1Live-Krone-Gewinner. Man kann sich dem Album von vielen Seiten nähern, immer wieder neue Entdeckungen machen. Es ist eine Aufforderung, sich zu verlieren, um sich in der Musik, in den Texten wiederzufinden. Es ist auch eine Forderung: Das Album ist verspielter, fast jeder Song geht anders aus, als man sich das am Anfang denkt. In jedem Track ist mehr los, als man erwarten will.

2 An und Für sich

„Ich dachte, ich schaff‘ nen Langfilm, aber es sind lauter Kurzgeschichten“,
sagt Clueso.

Das Album heißt An und für sich.
Wieder so ein Clueso-Titel, eine Phrase, scheinbar unscharf, platt, Wörter, die keine Rolle spielen im Tagesgeschäft, weil sie jeder benutzt. Aber wenn man drauf achtet, steckt viel drin. Etwas Essentielles, Generelles. Etwas Beruhigendes. „An und für sich“, diese Redewendung ist positiv, nur merkt das keiner, weil danach meistens ein Aber kommt. Das macht diese Wort so bescheiden. Das „Aber“ fehlt hier, „An und für sich“ darf nur für sich stehen. Für Clueso. Für den Hörer. Für die Musik. Zwei Jahre hat Clueso an diesem Album gearbeitet, das letzte Jahr pausenlos. Mehr als bei dem Platin-Album So sehr dabei ist An und für sich ein Album von Clueso, das alles zusammenbringt, was Clueso beschäftigt, was Clueso will, worauf er sich einlässt. Die Umwege und Auswege, der Ort, an den man aufbrechen kann, wenn man seine Grenzen kennt.
In An und für sich steckt auch eine ganze Philosophie, in der das „An sich“ das Weltliche meint und das „Für sich“ das Menschliche, wie die Musik als solche, „an sich“ ist, und was jeder einzelne, „für sich“ draus macht. Clueso hat während der Arbeit am Album gemerkt, dass er zwar immer anfängt, seine Musik für sich zu machen. Am Ende steht die Musik aber für sich, für den Hörer, der darin dann hört, was er von sich selbst weiß oder noch erfahren will.

„Der Song ist der Chef“, hat Clueso das in einem Brief an seine Band genannt, bevor es ins Studio ging.

So sehr dabei mit seiner Hitsingle Gewinner hat sich über 200.000 mal verkauft. Und nach der ausverkauften Tour 2008 war klar, dass Clueso mit seinen Collagen aus verschiedenen Musikstilen ein neues Genre begründet hat, sein eigenes Genre. Das ist kein Platz, an dem man alt werden will, kein Zustand, den man einfrieren kann. Die Suche geht weiter, und sie braucht die anderen, als Spiegel, als Reibungsfläche. Die Musiker mit ihren persönlichen Vorlieben. Und Baris Aladag den Bruder im Geiste, als Mittexter, Mitentwickler, Mitfeiler. So ist An und für sich ein sehr breites Album geworden, offen, groß, geräumig. Ein Album, das in viele Richtungen weist.

Der erste Song ist gleichzeitig die erste Single, kein Stellvertreter, der das Album repräsentiert, sondern ein Vorbote. Zu schnell vorbei handelt von Vergangenheit, zeigt in die Zukunft und beschreibt so das Dazwischen: „Heute ist der Tag, von dem wir später reden.“ Es geht um verpasste Gelegenheiten, neue Chancen. Ein Popsong, der sich klassisch aufbaut vorm Ohr des Hörers und dann noch bleiben will, nicht aufhören kann, auf seine eigenen Echos zu lauschen. Keine monolithische Single, sondern ein Pfad, auf dem man ins Album finden kann.
Ein Album, das seine eigenen Ungewissheiten sucht. „Ich mache auch Sachen, die ich nicht auf Anhieb will“, sagt Clueso. „Lass uns nicht sicher sein“, heißt es in Ich bin fürs Rollen, einem Liedermachersong mit akustischer Gitarre zu Rhythmuscomputer und Percussion und mit einem unerhörten Saxofonsolo am Ende. Akustikgitarre, Saxofonsolo, macht man das, fragt die Stilpolizei. Falsche Frage, sagt der Song.
Auf der Akustikgitarre sind viele der neuen Songs entstanden, zu Hause im Studio, unterwegs im Hotel, backstage auf Tour. Clueso kann nicht ohne Gitarre, nicht länger als zwei Tage jedenfalls, und deshalb ist sie auch auf dem Album. Es geht Clueso nicht darum, was man machen darf, sondern was er machen will. Und Clueso ist viele.
„Über Sonne reden finde ich kitschig wie Songs über Regen“ heißt es in Müsste gehen, dem unkonventionellsten und rumpeligsten Song auf dem Album. Trotzdem setzt der folgende Track ein mit dem unter schweren Beat wiederholten und von Max Herre zitierten „Immer wenn es regnet“. Aus dem Zitat entwickelt sich dann aber kein Cover, vielmehr wird ein eigenes Stück geboren.
Das ist die Art und Weise, wie Clueso umgeht mit anderen Einflüssen auf diesem Album: es sind geliehene Posen, in die er nur kurz schlüpft, für ein Kate-Bush-Oho, für einen Oasis-Gedanken, für eine Norbert-Leisegang-Heiserkeit, um zu sich selbst zu kommen. Nie Kopie, sondern immer eigen, anders, neu.
Dreh dich ist etwas Neues in anderer Hinsicht, zuerst aufgenommen auf dem studioeigenen Hof, genauer auf der Schaukel. Das erste Lied im Sechs-Achtel-Takt, ein Walzer mit der Wehmut des Augenblicks. Dreh dich hat wie die meisten Songs eine Metamorphose durchlaufen. In Spanien, in Motril mietete Clueso sich mit seiner Band und den Mitproduzenten Ralf Christian Mayer und Baris Aladag in einem Studio ein, um diesen Prozess zu forcieren: die Songideen gemeinsam bearbeiten, immer wieder spielen, diskutieren, variieren und neu interpretieren.
Herz etwa war eigentlich als schnelle Nummer gedacht, dann legte Keyboarder Philipp Milner eine elegische Idee darunter, die für was anderes gedacht war und meinte, passt doch. Passt auch. „Herz wird Gewinner werden“, sagt Baris, und wie zum Beweis entfährt einer Zuhörerin beim Public Listening ein zartes, fast noch schluckendes „Oh, das ist toll.“ Herz ist ein Film in schnellen Bildern und sanften Tönen, ein Lied über eine vergangene Liebe, die noch überall da rumliegt, wo sie einmal richtig war wie ein abzuholendes Pfandstück für den Verlust. Herz ist tief, „hart“, sagt Clueso, ein Song, der über einem Abgrund an Gefühlen schwebt, die er selbst erst spät realisiert hat; ein Song, von dem man sich erst einmal erholen muss.
Das mit der Metamorphose gilt nicht nur für den Entstehungsprozess, es betrifft die Songs selbst, die sich verwandeln, während man sie hört.
Die Straßen sind leer lässt sich von seinem minimalistischen Beat zu einem Club-Track treiben, der sich am Ende im Spiel mit elektronischen Sounds verliert. Dieses Sich-Verlieren-Können zuzulassen ist das Besondere auf dem neuen Album, das nicht dazu da sein will, festgesetzte Erwartungen zu erfüllen. „Beinah ist mindestens vier Takte zu lang“, sagt Clueso. Aber nur so ist Beinah an und für sich, könnte man anfügen.

„An und für sich ist wie eine Zeitreise durch meine Platten allerdings in einem komplett neuen, für sich stehenden Gewand. An und für sich ist verspielt; rockiger, elektronischer, aber auch grooviger als meine früheren Alben.“

3 Outro

Noch mal im Flachbau im Erfurter Norden, im Studio. Clueso ist sein eigener Aufnahmeleiter. Tippt immer wieder auf den Rechner, sortiert, markiert die neuen Aufnahmen, das Kabel in der Hosentasche, gibt die Kopfhörer an die Zuhörer aus, spult wieder zurück, probiert wieder neu. Hüpft zwischendurch euphorisch, um sich selbst zu puschen, um sich locker zu machen. Die Gefühle fliegen vorüber, manche sind falsch oder besser: nicht richtig, andere schon eher. Der Körper spürt es vorher. Die Energie, die plötzlich da ist. Clueso spielt Luftgitarre, tritt unruhig auf der Stelle, streichelt mit der rechten Hand die Luft über den Worten, um sich Halt zu geben, die richtige Lage zu finden, vielleicht auch nur um das Gefühl fassen zu können, was in diese Wörtern steckt. „Das kitzelt an der Bauchdecke“, sagt Baris.

01.Clueso – Zu schnell vorbei 05:29
02.Clueso – Beinah 04:42
03.Clueso – Straßen sind leer 06:23
04.Clueso – Müsste gehen 03:25
05.Clueso – Ey der Regen 04:13
06.Clueso – Dreh dich 04:05
07.Clueso – Ich bin für’s Rollen 04:04
08.Clueso – Stern 03:50
09.Clueso – Herz 06:02
10.Clueso – Baumkrone 04:01
11.Clueso – Halt mich fern 04:26
12.Clueso – Das alte Haus 03:30
13.Clueso – Erklär mir 04:33
14.Clueso – Du bleibst 04:13
15.Clueso – Kleine Wunder 02:22
16.Clueso – Nur bei dir 03:44
17.Clueso – Ende 01:26

Quelle: Sony Music

 

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